Die Werkstatt ist modernisiert, die neuen Ladesäulen sind installiert und die Nachfrage der Kunden nach Service an Elektro- und Hybridfahrzeugen steigt kontinuierlich. Doch mit der neuen Technik zieht auch eine neue Verantwortung in den Betrieb ein: der sichere Umgang mit Spannungen von bis zu 1.000 Volt.
Wer glaubt, dass jeder Mitarbeiter im Betrieb mal eben ein E-Fahrzeug an die Ladesäule anschließen, eine Probefahrt machen oder Servicearbeiten durchführen darf, riskiert nicht nur die Sicherheit seines Teams, sondern auch den Versicherungsschutz. Die Berufsgenossenschaften (nach DGUV Information 209-093) schreiben eine klare Qualifizierung der Mitarbeiter vor. Ein Überblick über die drei wichtigsten Stufen im Werkstattalltag.
Stufe 1S: Die Basis-Unterweisung für das gesamte Team
Nicht jeder Mitarbeiter in der Werkstatt muss ein tiefgehendes Hochvolt-Expertenwissen besitzen. Aber jeder, der auch nur indirekt mit E-Fahrzeugen in Berührung kommt, benötigt die sogenannte Stufe 1S („Sensibilisierte Person“).
- Wer braucht das? Azubis, Serviceberater, Karosseriebauer, Reinigungskräfte und auch der Meister, sofern er keine höhere HV-Qualifikation hat.
- Was ist erlaubt? Das bloße Rangieren von E-Autos auf dem Hof, die Durchführung einfacher, nicht-elektrotechnischer Arbeiten (wie Reifenwechsel, Scheibenwischer erneuern oder Ölwechsel am Verbrennungsmotor eines Hybrids) und das An- und Abstecken des Fahrzeugs an der Werkstatt-Ladestation.
- Das Ziel: Die Mitarbeiter lernen, wie man Hochvolt-Fahrzeuge optisch auf Schäden prüft, wo Gefahrenquellen lauern und wie im Notfall erste Hilfe geleistet wird.
Stufe 2S: Der Fachkundige für die reguläre Werkstattarbeit
Sobald Arbeiten anstehen, die tiefer in das Fahrzeug eingreifen oder das Hochvolt-System direkt betreffen, reicht eine einfache Unterweisung nicht mehr aus. Hier schlägt die Stunde der Stufe 2S („Fachkundiger für Arbeiten an HV-Systemen im spannungsfreien Zustand“).
- Wer braucht das? Kfz-Mechatroniker, die aktiv Fehler an Hybrid- und Elektrofahrzeugen diagnostizieren und reparieren sollen.
- Was ist erlaubt? Diese Mitarbeiter dürfen das Hochvolt-System des Fahrzeugs fachgerecht und nach Herstellervorgaben spannungsfrei schalten, gegen Wiedereinschalten sichern und die Spannungsfreiheit feststellen. Erst danach dürfen Komponenten wie der Elektromotor, der Inverter oder der Klimakompressor ausgetauscht werden.
- Das Ziel: Sicherzustellen, dass der Mechatroniker sich und seine Kollegen vor lebensgefährlichen Stromschlägen schützt, während das Fahrzeug repariert wird.
Stufe 3S: Die Königsklasse für Arbeiten unter Spannung
Die höchste Qualifikationsstufe im Servicebereich ist extrem selten und nur für Spezialbetriebe relevant. Sie berechtigt zu Arbeiten an unter Spannung stehenden Hochvolt-Systemen.
- Wann wird das nötig? Zum Beispiel, wenn tiefergehende Reparaturen innerhalb des geöffneten Batteriegehäuses durchgeführt werden müssen, bei denen sich die Spannung nicht einfach abschalten lässt (z. B. der Tausch einzelner Batteriemodule).
Chef-Sache: Die Pflicht zur Dokumentation
Für Werkstattinhaber gilt: Die Qualifizierung der Mitarbeiter ist keine freiwillige Weiterbildung, sondern eine rechtliche Notwendigkeit. Passiert ein Unfall an einem E-Auto und es kann keine entsprechende Schulungsbescheinigung nachgewiesen werden, drohen empfindliche Strafen der Gewerbeaufsicht und Regressforderungen der Unfallkassen.
- Praxis-Tipp: Führen Sie eine klare Übersicht im Betrieb, welcher Mitarbeiter welche Stufe besitzt. Aktualisieren Sie diese Zertifikate regelmäßig und stellen Sie sicher, dass vor allem neue Teammitglieder oder Auszubildende direkt an Tag eins die notwendige 1S-Unterweisung erhalten, bevor sie den Schlüssel eines Kunden-E-Autos in die Hand nehmen.
Fazit: Infrastruktur und Know-how gehören zusammen
Eine moderne Ladesäule in der Werkstatt zu installieren, ist der erste, sichtbare Schritt in Richtung Zukunft. Doch die beste Ladeinfrastruktur verpufft ohne das passende Know-how auf der Resterampe.
Erst wenn die logistischen Abläufe im Wallbox Werkstattbetrieb stehen und das gesamte Team passend zu seinen Aufgaben qualifiziert ist, wird der Service an Elektro- und Hybridfahrzeugen zu einem sicheren, profitablen und rechtlich unangreifbaren Standbein für die freie Werkstatt.
Häufige Fragen zu Hochvolt-Schulungen in der Werkstatt
Welche Hochvolt-Qualifikation braucht mein Werkstatt-Team?
Das hängt von der Tätigkeit ab. Jeder, der überhaupt mit E-Fahrzeugen in Berührung kommt, braucht mindestens die Stufe 1S (Sensibilisierte Person). Mechatroniker, die aktiv am Hochvolt-System arbeiten, benötigen die Stufe 2S (Fachkundige). Die Stufe 3S für Arbeiten unter Spannung ist nur für Spezialbetriebe relevant.
Was darf ein Mitarbeiter mit Stufe 1S?
Die Stufe 1S berechtigt zum Rangieren von E-Autos, zum An- und Abstecken an der Ladestation und zu einfachen, nicht-elektrotechnischen Arbeiten wie Reifenwechsel oder Ölwechsel am Verbrennungsmotor eines Hybrids. Arbeiten am Hochvolt-System selbst sind damit nicht erlaubt. Diese Unterweisung ist für Azubis, Serviceberater und Reinigungskräfte gedacht.
Worin unterscheiden sich die Stufen 2S und 3S?
Stufe 2S berechtigt zu Arbeiten am Hochvolt-System im spannungsfreien Zustand: Das System wird fachgerecht freigeschaltet, gegen Wiedereinschalten gesichert und die Spannungsfreiheit festgestellt, bevor Komponenten getauscht werden. Stufe 3S geht darüber hinaus und erlaubt Arbeiten an unter Spannung stehenden Systemen – etwa im geöffneten Batteriegehäuse, wo sich die Spannung nicht abschalten lässt.
Ist eine Hochvolt-Schulung gesetzlich vorgeschrieben?
Die Berufsgenossenschaften geben über die DGUV Information 209-093 klare Vorgaben zur Qualifizierung von Mitarbeitern für Arbeiten an Fahrzeugen mit Hochvolt-Systemen. Wer ohne entsprechende Qualifikation arbeiten lässt, riskiert die Sicherheit des Teams und den Versicherungsschutz.
Was passiert ohne Schulungsnachweis bei einem Unfall?
Kommt es zu einem Unfall an einem E-Fahrzeug und es lässt sich keine passende Schulungsbescheinigung vorlegen, drohen Maßnahmen der Gewerbeaufsicht sowie Regressforderungen der Unfallversicherung. Eine lückenlose Dokumentation, wer welche Stufe besitzt, ist deshalb für Inhaber unverzichtbar.
Müssen neue Mitarbeiter sofort geschult werden?
Ja. Neue Teammitglieder und Auszubildende sollten die 1S-Unterweisung bereits an ihrem ersten Tag erhalten – bevor sie den Schlüssel eines Kunden-E-Autos in die Hand nehmen. Zertifikate sollten zudem regelmäßig aktualisiert und betriebsintern übersichtlich erfasst werden.